Martin Sellner, Vordenker und Sprecher der Identitären Bewegung in Österreich (IBÖ), ist nicht nur ein selten mutiger Mensch und kluger, philosophisch gebildeter Kopf. Er ist überdies auch eine Person, die von den staatlichen Autoritäten seines Landes mit einer wohl beispiellosen Repression überzogen wird, die von Kontokündigungen und Social-Media-Ächtungen über Reiseverbote bis hin zu Beschlagnahmungen und Hausdurchsuchungen reicht. Jemanden zu kritisieren, der von den herrschenden Machtapparaten derartig unter Druck gesetzt wird, gehört sich streng genommen nicht. Wobei ich Sellner hier nicht kritisieren möchte, weil er zu radikal argumentiert oder nicht hinreichend politisch korrekt denkt, sondern eher, weil er sich in eine politisch-intellektuelle Sackgasse manövriert hat oder, anders ausgedrückt: weil er sich in einem Zustand der Nichtanerkennung elementarer geschichtlicher Realitäten befindet.

Denn Sellner glaubt tatsächlich an die Möglichkeit, die multikulturelle Fragmentierung der Bevölkerungen in Westeuropa wieder rückgängig zu machen und durch eine umfassende Politikl der "Remigration" eine relative ethnische Homogenität wiederherzustellen. Allen Ernstes schlug er neulich vor, die durch Corona nutzlos am Boden stehenden Flugzeuge dafür einzusetzen, tausende oder zehntausende Migranten und Asylbewerber in ihre Heimatländer zurück zu transferieren.

Der Glaube aber, eine weltgeschichtliche Entwicklung wie die Masseneinwanderung nach Westeuropa und den Übergang zu multiethnisch-multikulturellen Gesellschaften „rückabwickeln“ zu können, ist bei Lichte besehen eine große Illusion. Historisch betrachtet lässt sich die allmähliche Transformierung ethnisch homogener Völker in ethnisch inhomogene, fragmentierte Bevölkerungen in allen großen, reif gewordenen Zivilisationen beobachten. So folgte in Griechenland auf das klassische Zeitalter der Athener und Spartaner die hellenistische Ära der Megastädte wie Alexandria, in denen ein buntes Völkergemisch aus aller Herren Länder arbeitete, wimmelte und lebte. Auch in Rom haben wir es lange Zeit hindurch mit einem ethnisch geschlossenen Substrat aus Bauern, Handwerkern, Rittern und Patriziern zu tun; schon um die Zeitenwende aber machen fremdstämmige Arbeitskräfte, Sklaven und Migranten aus Dalmatien, Illyrien, Thrakien, Syrien, Griechenland, Ägypten, Germanien, Gallien, Numidien oder Äthiopien rund die Hälfte der stadtrömischen Bevölkerung aus, und die Weltstadt wird zu einem gigantischen Schmelztiegel für Menschen aus allen Teilen der von Rom unterworfenen Welt.

Im Grunde gilt so für Sellner Ähnliches wie für Markus Krall, der unbeirrt die bürgerliche Revolution propagiert, obwohl das bürgerliche Zeitalter nur noch eine vergangene, vom Gang der Geschichte seit langem überwundene Entwicklungsstufe darstellt und wir längst in das Zeitalter einer massendemokratischen Versorgungsgesellschaft eingetreten sind. Wie Krall der Nostalgie des Bürgertums verfällt, will Sellner ethnische Homogenitäten wiederherstellen, über die der Zyklus der Geschichte längst hinweggegangen ist und die, was insbesondere Westeuropa betrifft, niemals wiederkehren werden.

Wer wie Krall oder Sellner in das Rad der Geschichte eingreifen will, kann nur damit arbeiten, was die Zeit real bereithält. Er muss sich auf den Boden der gesellschaftlichen Wirklichkeiten stellen, erkennen, was möglich ist, welche Potenziale existieren und wohin der Strom der Zeiten fließt. Was Not tut, ist nicht dem Vergangenen nachzutrauern und eine frühere, bürgerliche oder ethnische homogene Herrlichkeit restaurieren zu wollen, sondern die notwendigen, von der Geschichte und der Zeit gestellten Aufgaben in Angriff zu nehmen. Für all jene, die sich als konservativ, rechts oder traditionalistisch verstehen, stellt sich damit die Frage: wollen sie politische Randfiguren bleiben, die den Siegeszug der multikulturellen Gesellschaften in Europa effektvoll klagend, aber macht- und einflusslos über sich ergehen lassen? Oder wollen sie ein politisch relevanter Faktor sein, der versucht, die multiethnischen Sozialkollektive aktiv zu gestalten, zu steuern, zu regulieren und idealerweise in eine neue, konservativ-revolutionäre Ordnung zu überführen? Wer das unwiderruflich Vergangene (verloren Gegangene) loslässt und sich auf den Boden der geschichtlichen Realitäten stellt, dem bieten sich auch heute Chancen, aus dem alten, auf Albrecht Erich Günther zurückgehenden Motto zu schöpfen: „Konservativ sein bedeutet nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.“