Auf dem Blog der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld ist dieser Tage Folgendes zu lesen:

„Während im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern eine ehemalige DDR-Juristin zur Verfassungsrichterin gekürt wurde, spielten sich am Samstag auf dem Alexanderplatz Szenen ab, wie wir sie aus DDR-Tagen kennen und nie wieder erleben zu müssen glaubten. Die Polizei nahm meine alte Freundin Angelika Barbe, Mitstreiterin seit den Tagen des Pankower Friedenskreises, Mitbegründerin der SDP, später SPD der DDR, Kollegin im ersten gemeinsamen Bundestag nach der Vereinigung, Mitbegründern des Bürgerbüros für die Opfer der SED-Gewaltherrschaft fest. Dabei ging sie mit brutaler Gewalt gegen die frisch am Knie operierte Dame vor, die nicht so schnell laufen konnte, wie die Polizisten sie wegzerrten.“

Dazu fällt mir ein:

Wie es aussieht, rächen sich nun die verhängnisvollen, von übermäßiger Naivität und Nachsicht zeugenden Fehler der Friedlichen Revolutionäre von 1989/90. Statt wie in Ungarn oder Polen die Ideologie des Kommunismus auf alle Zeit zu ächten, hat man es den einstigen Vertretern der Gewaltherrschaft ermöglicht, den demokratischen Staat zu infiltrieren und die freiheitliche Ordnung von innen heraus zu zerstören. Um fair zu bleiben: wer konnte sich 1989/90 auch nur vorstellen, dass dreißig Jahre später waschechte Kommunisten nicht nur Landesregierungen, sondern auch Inlandsgeheimdienste und Verfassungsgerichte führen oder dominieren würden? Wer konnte damals ahnen, dass der Sozialismus dereinst wieder zu Kräften kommen und sich zu einer politisch bestimmenden Macht in Deutschland entwickeln würde? Stand seine Hinterlassenschaft doch vor aller Augen: das Blut der Toten an der Mauer, das Elend der Staatsgefängnisse in Bautzen und anderswo, eine gigantische Reservearmee aus Spitzeln und Spionen, eine bankrotte und marode Wirtschaft, zerfallende Städte und einstürzende Häuser. Der Sozialismus? Eine verbrecherische, von der Geschichte final wiederlegte Idee! Die PDS? Eine hoffnungslos überalterte Partei der Unverbesserlichen und Ewig-Gestrigen, die sich schon aus Altersgründen bald von selbst erledigen würde!

So ließ man die alten Unterdrücker großmütig weiterleben, sich wiegend in der falschen Sicherheit, dass von ihnen keine Gefahr mehr drohe. Heute erkennen wir, wie leicht sich die Friedlichen Revolutionäre im Hochgefühl des Sieges und im Rausch der Freiheit täuschen ließen! Dazu fällt mir die alte, auf den preußisch-jüdischen Demokraten Johann Jacoby zurückgehende Erkenntnis ein, dass „jede Revolution verloren ist, welche die alten, wohl organisierten Gewalten neben sich fortbestehen lässt.“ Eine Erkenntnis, die nicht nur auf 1848 und 1918 zutrifft, sondern – wie zu befürchten steht – auch auf 1989/90.