Täglich kann ich es auf Twitter, Youtube und bisweilen auch in den Kommentarspalten einer Mainstream-Zeitung lesen: wie viele bürgerlich, konservativ oder traditionalistisch gesinnte Menschen in Deutschland dieser Tage verzagen oder verzweifeln, weil sie sich ein Ende der linksideologischen Maximalpolitik und eine Rückkehr zu Maß und Mitte nicht mehr vorstellen können. Grund zur Hoffnung besteht gleichwohl – wenngleich die Schimmer der Hoffnung vorerst nur aus Übersee, genauer: aus der angelsächsischen Welt zu uns herüberscheinen.

Dazu müssen wir uns Folgendes vor Augen halten: der politische Takt des Westens wird spätestens seit 1945 durchweg in den USA und Großbritannien vorgegeben. Deutschland und die anderen europäischen Länder benötigen in der Regel ca. 10 Jahre, bis die in Angloamerika gesetzten Trends auch zu uns herüberschwappen und man sich hierzulande dazu durchringt, den dort gesetzten Wegmarken zu folgen. So verhielt es sich mit dem Neoliberalismus, der 1979 mit Thatchers Wahl zur Premierministerin und 1980 mit Reagans Kür zum US-Präsidenten seinen Siegeszug in der angelsächsischen Welt begann. In Deutschland setzte sich der Neoliberalismus erst Anfang der 1990er Jahre als das hegemoniale Wirtschafts- und Gesellschaftskonzept durch. Auch die Bekehrung der politischen Linken zum neoliberalen Wirtschafts-, Staats- und Politikverständnis vollzog sich zunächst mit Clinton in Amerika und Blair in Großbritannien. In Deutschland dauerte es bis 2003/05, ehe Rot-Grün sich entschloss, mit der Agenda 2010 und der Abwicklung der Deutschland-AG einen finanzmarktgetriebenen Kapitalismus in Gang zu setzen.

Nun haben mit Donald Trump und Boris Johnson unkonventionelle Persönlichkeiten, Populisten und Außenseiter-Typen das politische Ruder in den USA und Großbritannien übernommen, die im offenen Kampf gegen die linke, universalistische Medien- und Kulturelite stehen. Diese Volkstribunen stellen nicht nur nationale Interessen in den Mittelpunkt, sondern wenden sich auch explizit gegen die bleierne Logik der linken Political Correctness und deren Sprachrohre von CNN bis BBC.

Mit der üblichen Verspätung dürften sich entsprechende Entwicklungen in einigen Jahren auch in Deutschland zeigen und vollziehen. Vieles spricht dafür, dass es dann nicht die AfD sein wird, von der die Große Wende ausgeht. Stattdessen könnte es ein erfolgreicher Wirtschaftsführer, ein Medienmogul oder eine aus Radio, Funk und TV bekannte Celebrity sein, die den Sturm der Veränderung lostreten. Wenn eine solche Figur die politische Bühne betritt und den riesigen, aufgestauten, bewusst oder unbewusst vorhandenen Unmut mobilisiert, wird sich die ganze Schwäche des etablierten Parteienstaates offenbaren. Wenn der große Charismatiker hervortritt und wie aus dem Nichts eine politische Bewegung aus dem Boden stampft – dann wird es für das alte, parteipolitische Establishment sein, als wehe ein Herbststurm durch das Land, und unzählige Blätter, die nur noch lose und in dünnen Fäden an den Ästen und Zweigen der Bäume hingen, lösen sich und fallen herunter.