Kaum merklich, aber mit immenser Konsequenz hat sich in den vergangenen 30 Jahren ein fundamentaler demokratiegeschichtlicher Paradigmenwechsel vollzogen: der Übergang von der Bürgerrepublik zur Massendemokratie.

Dabei zeichnet es die Bürgerrepublik aus, dass in ihr stabile soziale Milieuzusammenhänge bestehen: das katholische, das protestantische, das pietistische, das bildungsbürgerliche, das proletarische, das alternative Milieu usw. Hinzu kommen landsmannschaftliche Zugehörigkeiten und einflussreiche gesellschaftliche Zusammenschlüsse wie Gewerkschaften oder Vertriebenenverbände. In einer derart gegliederten und strukturierten Gesellschaft versteht es sich von selbst, dass verschiedene Perspektiven legitim nebeneinander bestehen – und das Recht divergierender politischer Meinungen, im öffentlichen Raum zu erscheinen, von niemandem bestritten wird. Im Rückgriff auf lebensweltlich gesicherte Werte, Grundsätze und Interessen sind die Milieus der Bürgerrepublik zudem imstande, demagogischer Einflussnahme durch Presse oder Medien mit einer gewissen Resilienz und Eigensinnigkeit zu begegnen.  

Seit den 1990er Jahren indes sind die kirchlichen, gewerkschaftlichen und bildungsbürgerlichen Milieus in Deutschland sukzessive zerfallen. Übrig geblieben ist eine Gesellschaft von einzelnen, die nicht mehr in stabile kollektive Zusammenhänge eingebettet sind. In einer solchen Gesellschaft büßen die Menschen nicht nur ihre festen Grundsätze und Überzeugungen ein, die es ihnen ermöglichen, medialer Einflussnahme widerständig zu begegnen. Sie verlieren überdies den common sense, den Realitätssinn, der sich nur im Austausch mit anderen realisieren kann, mit denen man sich durch gemeinschaftlich erfahrene Lebenswelten verbunden weiß. 

Erst jetzt, in der Massendemokratie, werden die einzelnen zu Objekten einer umfassenden medialen Lenkung. Erst jetzt sehen die Medien keine Notwendigkeit mehr, rational und schlüssig zu argumentieren – wissend, dass die vereinzelten, aus Bürgern zur Masse herabgesunkenen Individuen ihr blind und unkritisch folgen werden, da sie ihres realitätsverbürgenden Gemeinsinns verlustig gegangen sind. Erst jetzt, in einer nicht mehr strukturierten und gegliederten Gesellschaft, gibt es nur noch eine legitime Meinung. Erst jetzt gewinnt dasjenige seine volle Gültigkeit, was Oswald Spengler schon vor 100 Jahren über das finale Stadium der Demokratie notierte: „Die Wahrheit des Augenblicks ist ein Produkt der Presse. Was sie will, ist wahr. Ihre Befehlshaber erzeugen, verwandeln, vertauschen Wahrheiten. Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat die Wahrheit erkannt … Kein Tierbändiger hat seine Meute besser im Griff. Man lässt das Volk als Lesermasse los, und es stürmt durch die Straßen, wirft sich auf das bezeichnete Ziel, droht und schlägt Fenster ein. Ein Wink an den Pressestab, und es wird still und geht nach Hause.“